Der digitale Detox

Als ich letztes Jahr auf Sri Lanka war, erzählte mir ein schönes Mädchen, welches ich in Ella, einer Stadt in den Bergen in der Mitte der Insel, getroffen hatte, dass sie vor unserer Begegnung ein paar Tage in einem buddhistischen Kloster verbracht habe und mir die Erfahrung wärmstens ans Herz lege. Ihr Bericht machte mich neugierig und eine Reihe glücklicher Fügungen führte dazu, dass ich etwas später tatsächlich vor den Toren solch eines Klosters stand, wo ich dann zehn Tage meditierend und fastend verbrachte. Über meine Erfahrung dort habe ich einen eigenen Bericht geschrieben, aber, in jenem abgeschiedenen Kloster hinter der Königsstadt Kandy began noch etwas anderes: mein digitaler Detox. Denn die Mönche empfahlen mir, für die Zeit meines Aufenthalts auf die Benutzung meines Handys zu verzichten. Und das war für mich überraschenderweise fast noch herausfordernder als das stundenlange Meditieren. Zumindest die ersten drei Tage, dann wurde es leichter. Natürlich habe ich nach meinem Klosteraufenthalt mein Handy wieder genauso intensiv genutzt wie zuvor, zum Beispiel um meine weitere Reise ausführlich bei Facebook, Instagram und Co. mit meinen Freunden zu teilen. Doch die Erfahrung der zehn Tage OHNE dem Zwang nachzugehen, mindestens im Stundenrhythmus Facebook zu checken oder mich aus Langeweile durch Instagram-Profile zu wühlen, arbeitete in mir. Denn ganz offensichtlich war es mir ja auch möglich, OHNE mein Handy oder soziale Medien durch den Tag zu kommen. Und es ging mir dabei nicht schlechter, ganz im Gegenteil. Ob es nun an der Atmosphäre im Kloster gelegen hatte oder auch an den vielen Meditationen, meine Zeit dort hatte mich jedenfalls tief im Inneren entspannt. Die Handy-Abstinenz dürfte daran nicht ganz unschuldig gewesen sein.
Und noch etwas veränderte sich: wenn ich fortan ein Foto von etwas machte, ertappte ich mich immer häufiger dabei, dass ich das manchmal nur tat um es gleich im Anschluss auf Facebook zu posten. Die Aufnahme war also nicht für mich, als Erinnerung zum Beispiel, gedacht, sondern ich wollte damit etwas erreichen: Aufmerksamkeit, Zuspruch, Feedback. Schaut her, was ich grad geiles mache. Manchmal fertigte ich dutzende Selfies an, aus denen ich dann das vorteilhafteste auserwählte, nur um es dann als spontanes, ungestelltes Ergebnis zu verkaufen. Das erschien mir völlig normal und legitim, um an die so dringend benötigte Aufmerksamkeit heranzukommen. Machten ja schließlich alle so.

Wenn ich mir heute die Nutzung von sozialen Medien ansehe, kann ich grob zwei Typen an Teilnehmern ausmachen. Die eine Gruppe sind die, nennen wir sie mal, Influencer. Das sind in der Regel Prominente jeden Couleurs, die über eine mal mehr, mal weniger große Reichweite verfügen. Sie lassen ihre Fans und Follower an ihrem Tagesablauf teilhaben und posten manchmal sogar mehrmals täglich Beiträge und Fotos, oft auch über scheinbar belanglose Tätigkeiten.
Die zweite Gruppe sind Privatpersonen, die sich und ihre Leben auf Facebook, Instagram und Co. inszenieren. Sie posten die klassischen Schnappschüsse ihres Essens, ihrer Tagesgarderobe, ihres Urlaubs, vom Sport oder was sie gerade eben beschäftigt. Oftmals teilen sie auch Beiträge anderer oder lustige Sprüche und Videos. Zu dieser Gruppe zähle ich auch mich.

Was mich damit von den Mitgliedern der ersten Gruppe unterscheidet: Mein Antrieb für meine Inszenierung ist kein Unternehmen oder eine Marke im Hintergrund, für die ich um die Aufmerksamkeit der Menschen buhle. Denn genau das macht ein Influencer: er wirbt mit seiner Persönlichkeit. Schafft eine Nähe zum potentiellen Kunden, wie sie klassische Werbung nie erreichen könnte. Indem er sich und sein (vermeintliches) Privatleben öffentlichkeitswirksam inszeniert. Und das ist natürlich immer beeindruckend. Kaum jemand käme auf die Idee, Bilder von sich zu zeigen, auf denen es ihm schlecht geht oder er sich nicht schön findet. Die ihn in einem ungünstigen Licht dastehen lassen. Natürlich werden viele Influencer (sofern sie ihre Profile tatsächlich selbst verwalten) auch noch aus anderen, denen der zweiten Gruppe sehr ähnlichen, Motiven handeln. Aber ihr vorrangiger Antrieb ist in der Regel eben ein Anderer.

Gruppe II nun versucht, dieses Verhalten nachzuahmen. Doch nicht etwa mit dem Ziel, ein Produkt zu bewerben, sondern um Aufmerksamkeit für sich selbst zu generieren. Wir Mitglieder dieser Gruppe suchen über das Öffentlichmachen und Teilen unseres Lebens Selbstbestätigung und Anerkennung. Und geraten damit in die Abhängigkeitsspirale der digitalen Medien. Wir werden Sklaven unserer Handys und opfern ihnen reale soziale Kontakte ebenso wie unsere Privatsphäre. Die Scheinwelt, die uns bei Facebook und Co. vorgelebt wird, mit ihrem konstruierten Perfektionismus und all der Prahlerei sorgen zudem dafür, dass wir uns immerzu vergleichen und in Folge schlecht fühlen. Denn scheinbar geht’s doch allen anderen um mich herum besser als mir. Alle sind schöner, reicher, reisen weiter und toller und haben die cooleren Freunde. Das lässt unser ohnehin angeschossenes Ego noch mehr bluten. Versteht mich an dieser Stelle nicht falsch, ich möchte besagte Prahlerei und Zelebrierung von Scheinwelten nicht verurteilen. Aber ich lade uns alle ein, sie als das zu erkennen was sie sind: moderne Werbemittel, entstanden aus einer ganz neuen Art, das Internet zu nutzen und sich zu vernetzen. Im Grunde ist es nur natürlich dass wir in Folge nun versuchen, diese Mechanismen für uns selbst zu nutzen weil wir eine Möglichkeit wittern, dadurch eines unserer Grundbedürfnisse zu stillen: den Bedarf nach Aufmerksamkeit und Liebe. Jedoch müssen wir uns dann auch der genannten Konsequenzen bewusst sein.

Der Drang nach Aufmerksamkeit begründet sich in einem steten Mangel an Selbstwert. Die meisten von uns leiden darunter, weil wir nie gelernt haben, uns selbst anzunehmen, wertzuschätzen und zu lieben. Selbstliebe gilt heutzutage immer noch als etwas Verpöntes, weil viele die Selbstliebe mit narzisstischem Egoismus verwechseln. Dabei bedeutet Selbstliebe “nur” sich so anzunehmen wie man ist und sich nicht mehr mit anderen zu vergleichen und in Folge kaputt zu optimieren.

Doch das ist nicht der einzige Grund, warum wir uns so oft in digitalen Welten wie eben besagten sozialen Netzwerken, in Spielen oder auch im Fernsehen verlieren. Vielen sitzt eine kleine Stimme im Kopf, die uns konstant darauf hinweist, dass etwas in unserem Leben unrund läuft. Dinge, die wir nicht aufgearbeitet haben. Träume, die wir nicht verwirklichen. Eine unglückliche Partnerschaft. Ziellosigkeit.
Und anstatt hinzuhören, in uns hinein zu lauschen, den Mut zu fassen, auf die Stimme zu hören und uns neu einzuspuren, lenken wir uns ab. Damit wir uns ja nicht mit uns selbst beschäftigen müssen. Manchmal ist das reine Bequemlichkeit, meist jedoch schrillen in uns bereits sämtliche Alarmglocken und je lauter diese bimmeln, desto intensiver versucht unser Ego ihnen aus dem Weg zu gehen. Denn unser Ego möchte keine Veränderung. Weil es fürchtet, dann nicht mehr gebraucht zu werden und dann sterben zu müssen.

Hier böte sich jetzt ein kleiner Selbsttest an. Achte darauf, was Dein erster Impuls ist wenn Du unversehens nichts zu tun hast. Dein Bus verspätet sich beispielsweise. Oder Du hockst allein am Esstisch. Möchtest Du den Fernseher einschalten weil Du die Stille nicht erträgst? Checkst Du Facebook, weil Dir langweilig ist? Beginnst Du, vor Dich hinzusummen? Das alles sind unsere klassischen Verdrängungsstrategien mit denen wir sicherstellen, dass wir ja nicht in uns hineinhören müssen. Unsere Seele ist klug. Sie hat einen Fahrplan und teilt uns mit, wo es für uns hingeht. Und wenn wir falsch abbiegen, warnt sie uns. Unermüdlich. Auch wenn wir schon Kilometer in die falsche Richtung gelaufen oder einfach an der Kreuzung hocken geblieben sind. Doch wir haben verlernt, hinzuhören.

Ein digitaler Detox ist für viele, die ihn zum ersten Mal betreiben, wie ein Entzug. Dabei geht es im Grunde nur darum, sich bewusst(er) zu werden, was genau man da eigentlich tut. Ob wir noch selbst am Steuerrad sitzen oder schon Geiseln unserer scheinbar unerfüllten Bedürfnisse sind oder uns von unserer inneren Stimme ablenken.
Und das Wort “Detox” habe ich nicht unbedacht gewählt denn wie bei jeder Entgiftung geht es uns nachher besser. Das kann entweder der Erkenntnis gedankt sein, WARUM wir tun was wir tun (und uns in Folge verändern oder umdenken) oder auch weil es uns neue Freiheit gibt. Es kann uns die Last von unseren Schulter nehmen, immer allen gefallen und es allen beweisen zu müssen. Und uns immerzu mit allen anderen zu vergleichen. Und er kann ebenfalls dazu führen, unsere Medien bewusster zu konsumieren.

Ich propagiere hier übrigens nicht die völlige Enthaltsamkeit. Aber wenn wir uns ab und an für ein paar Tage aus dem Spiel nehmen oder, wenn das nicht möglich ist, die Schlagzahl ein wenig zurückfahren (z.B. nur noch einmal täglich Whatsapp oder Facebook öffnen), verringern wir das Risiko immens, zum Junkie zu werden (oder einer zu bleiben). Und der Entzug, und wenn er nur partiell ist, öffnet uns die Augen für das Wesentliche, das Ursprüngliche. Versprochen. Auch wenn das manchmal unangenehm ist, wer bereit ist und sich traut wird hier allerfeinstes Entwicklungspotential für sich selbst vorfinden.

Als ich damals nach meinem 10tägigen Klosteraufenthalt mein Handy wieder angemacht habe, war das erste was ich getan habe (neben meine Familie zu informieren dass es mir gut geht), mein Facebook zu checken. Nur um festzustellen, dass ich absolut nichts verpasst habe. Zehn Tage mögen sich nach nicht viel anhören. Aber sie haben genügt dass diese Sucht, die mich vorher an diese Plattform gebunden hat, nie wieder zurückgekehrt ist.

Ironischerweise musste ich dann aber gerade Facebook bemühen, um mich bei der schönen Reisegefährtin aus Ella, die ja längst weitergezogen war, für diese Erfahrung zu bedanken.

Aber immerhin habe ich die Geschichte nicht aufgeschrieben um mich damit selbst zu insz… Moment mal... Mist.

Andi
Andi
’82er Jahrgang, Mediengestalter, studierter Germanist und Kommunikationswissenschaftler, Freigeist, Philosoph, Träumer. Die meiste Zeit treibt er sich an seinem Tellerrand herum und wenn man ihn einmal längere Zeit nicht sieht, findet man ihn in der Regel jenseits davon.

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