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Leseprobe von “Das Universum ist ein Arschloch”

Das International Meditation and Dhamma Study Centre Rockhill Hermitage in Wegirikanda hat nichts mit dem gemein, was ich mir unter einem Kloster vorgestellt habe. Keine Steinbänke und -betten, keine schweigsamen, betenden Mönche, keine Trocken- oder Kargheit. Vielmehr schlummert das Rockhill auf einem Hügel mitten im Urwald, und der Dschungel ist ziemlich erfolgreich darin, sich Stück für Stück all das zurückzuholen, was die Menschen ihm mühevoll abgerungen haben. Auf Seiten des Klosters: ein zahnloser und sehr arbeitsscheuer Hausmeister, der sich ganz offensichtlich auf seine alten Tage kein Bein mehr ausreißen will. Auf Seiten des Dschungels: wucherndes Unkraut, Feuchtigkeit, Hitze, unzählige Insekten wie Ameisen, Spinnen und Mücken, Würmer, Raupen, Blutegel und handtellergroße Schmetterlinge, außerdem Vögel, Affen, Hörnchen, Wildschweine und Baummarder. Und unendlich viel Zeit und Geduld.

Ein schöner, wildwuchernder Garten bildet das Herz zwischen den Gebäuden, von denen sich manche an riesige, schwarze Findlinge schmiegen. Die Adern des Gartens bestehen aus vielen kleinen Treppchen und Trampelpfaden, einer davon bis zum Gipfel des Hügels mit famoser Aussicht ins Umland. Meine Zelle ist ein Biotop und beherbergt neben den obligatorischen Geckos ein ganzes Ameisenvolk und vierzehn Spinnen. Vor meiner Tür nisten seltsame Minibienen, und auf meinem Klo wohnt ein aufdringlicher Frosch.

Als ich das Kloster nach einer siebenstündigen Zugfahrt von Ella nach Kandy und einer weiteren Stunde im Tuk-Tuk – Letzteres größtenteils in Kandys unerträglichem Verkehr feststeckend – erreiche, staune ich zunächst nicht schlecht, denn irgendwie muss ich bei Evas und Sams Erzählungen überhört haben, dass der Laden hier von Nonnen geleitet wird. Kahlrasierten, in dunkelrote Roben gehüllten Nonnen, wohlgemerkt, die nur auf den zweiten Blick als Frauen auszumachen sind. Schon bei der Begrüßung werde ich von Schwester Khami darauf hingewiesen, dass der Abt des Klosters, der sehr ehrwürdige Bhante Kassapa, vor einem Monat dahingeschieden und die Nachfolge weder geregelt noch beschlossen worden sei und sich alle noch in schockstarrender Trauer befänden. Die unmittelbare Konsequenz für mich: kein Meditationskurs, sondern ein individuelles Retreat. Sprich, ich bekomme einen Stundenplan ausgehändigt, an dem ich mich orientieren kann, aber nicht muss. Außerdem steht einmal täglich ein Dharma-Talk auf dem Programm. Was auch immer das ist.

Für mich ist all das okay. Ich glaube ja bereits zu wissen, wie man meditiert, bisher hat es mir immer nur an Disziplin gefehlt, und an einem Ort wie diesem habe ich nun keine Ausreden mehr. Außerdem bedeutet die Trauerphase, dass das Kloster keine Buchungen aus dem Internet an- und nur aufnimmt, wer so wie ich frech vor Ort aufschlägt. Mangels anderer Gäste habe ich also den ganzen Nordtrakt der Anlage nebst dem Außenbad (und -klo) für mich alleine.

Viel wichtiger ist jedoch, dass mein Bauchgefühl mir sofort nach meiner Ankunft signalisiert: „Hier bist du richtig.“ Und im Anschluss vermutlich dem Universum ein High Five gibt.

Den Nachmittag nach meiner Ankunft verbringe ich damit, mich einzurichten. Die deutsche Effizienz geht mit mir durch und ich repariere zuerst die Klospülung und die zersprungene Waschschüssel mit meinem mitgebrachten Panzertape. Dann erkläre ich den Ameisen im Bad den Krieg und entscheide die erste Schlacht für mich. Flugs noch die überfällige Wäsche gewaschen und zum Trocknen aufgehängt, dann ins weiße Gewand geschlüpft, das ich vorher noch vorsorglich und auf den Rat von Eva und Sam in Kandy auf dem Markt gekauft habe, und hinunter in den Gemeinschaftsraum gehoppelt.

Dort erwartet mich zwar kein Abendessen, dafür sind drei weitere Gäste anwesend. Die junge Christie aus Australien, die ihren zehntägigen Aufenthalt schweigend verbringt, wie sie mir mittels eines Zettels mitteilt. Der fünfzigjährige Markus aus Deutschland mit den traurigen Augen und einem tätowiertem Dämon auf seinem Oberarm, eine Jugendsünde, die er nach eigener Aussage über alles hasst und dennoch als Teil von sich akzeptiert. Und daneben sitzt die strahlende, leuchtende Sonne: Lynn. Aus Schweden. Groß, blond, wunderschön. Während die anderen beiden bereits seit einigen Tage da sind, ist Lynn nur eine Stunde vor mir angekommen. Diese Frau hat etwas an sich, das mich von Beginn an in seinen Bann zieht. Die Art, wie sie spricht, wie sie mich anlächelt, wie sie sich bewegt, macht in mir jeden Gedanken an Alleinsein und Askese zunichte.

Der erste Dharma-Talk mit Schwester Khami lenkt mich zunächst noch erfolgreich ab: Das Dharma ist Buddhas Lehre. Ich würde die vereinfacht so zusammenfassen: „Schlagt euch nicht die Köpfe ein und übt euch in Achtsamkeit. Dann überwindet ihr alles Leid und werdet glücklich. Ach ja, und bitte lügt und betrügt nicht, lasst die Hände von eurer hübschen Nachbarin und verzichtet auf Drogen und Alkohol.“ Eigentlich ganz vernünftig. Aber weil das natürlich viel zu einfach wäre, gibt es eben das Dharma, die Lehre von den vier edlen Wahrheiten: Alles Dasein ist leidvoll; Ursache alles Leidens ist Begierde und Anhaftung; nur durch Vernichten von Gier und Hass kann das Leid überwunden werden; der edle achtfache Pfad ist der Schlüssel.

Die Lehre kann durch den edlen achtfachen Pfad umgesetzt werden, der aus acht erstrebenswerten Eigenschaften ähnlich den zehn Geboten besteht, z. B. soll man nicht töten oder sexuell verfehlen und stattdessen achtsam leben. Der achtfache Pfad untergliedert sich wiederum in die drei Unterbereiche Panna, Sila und Samadhi. Über all das lässt sich vortrefflich schwadronieren, und es gibt unzählige Gleichnisse und Geschichten zu erzählen. Leider ist meine Nonne derart von der Trauer übermannt (was mich nach ihren sechsunddreißig Jahren Meditation und Übung im Loslassen von Emotionen und Gefühlen zugegebenermaßen ein bisschen irritiert hat) und mit der englischen Sprache überfordert, sodass sie sich gerne in ihren eigenen Thesen verhaspelt. Aber immerhin singt sie wunderschöne Chants, das sind Buddhas Heillieder, die mich sehr berühren.

Die erste Nacht in meinem viel zu kurzen Bett und unter dem Mückennetz verläuft erstaunlich harmonisch, trotz meiner ganzen Mitbewohner – unter anderem haust ein fetter Baummarder irgendwo über mir zwischen Wellblech und der dünnen Holzdecke und feiert nächtens wilde Partys, die mein Klopfen und Klatschen nur kurz zu unterbrechen vermögen. Ein bisschen bin ich ja auch über mich selbst erstaunt, mit wie wenig Komfort ich es aushalten kann. Und gegen das nervige Hundegebell, das aus den umliegenden Dörfern heraufdringt und das mich an die nachtaktiven Hähne auf Bali erinnert, gibt es ja Ohrenstöpsel.

Am nächsten Morgen quäle ich mich dann tatsächlich um sechs Uhr früh aus den Federn und schleppe mich zur Morgenmeditation. Erst eine halbe Stunde Walking Meditation – in winzig kleinen Trippelschritten einmal um den Meditationsraum -, dann eine Stunde sitzende Meditation. Klappt einigermaßen gut, bestimmt weil ich noch so müde bin. Außer mir ist nur Lynn anwesend. Wahrscheinlich meditieren die Nonnen und die anderen Schüler in ihren Betten. Zum Frühstück um halb acht gibt es Reis und Curry. Wie übrigens auch mittags. Und die darauffolgenden zehn Tage. Und weil der brave Buddhist nach zwölf Uhr Mittag nichts mehr essen darf, habe ich mir vorsorglich (und auf Evas Rat hin) Kekse mitgebracht. Obwohl ich gegen Reis und Curry am Abend auch nichts einzuwenden gehabt hätte, denn an dem Zeug werde ich mich wohl nie satt essen.

Wer sich unter dem Nationalgericht Sri Lankas übrigens nichts vorstellen kann: Das ist Reis mit diversen Beilagen. Je nachdem, was der Koch grade da hat. Nicht zwingend vegetarisch (außer natürlich im Kloster), meist jedoch mit einem Kokos-Zwiebel-Gemisch, diversen Paprikas, Roter Beete, Durian, Kartoffeln oder verschiedenen Erbsen. Das alles mit mal mehr, mal weniger scharfem Curry zubereitet.

Dank Lynn verwerfe ich die Idee, den Aufenthalt im Kloster schweigend zu verbringen, quasi von Beginn an. Und Lynn tut es mir gleich. Wann immer es uns möglich ist, verbringen wir die Zeit außerhalb der Meditationen gemeinsam. Gleich am ersten Tag wagen wir uns mit unserem weißen Klosterdress und mit Flipflops an den Füßen an den hitzebedingt schweißtreibenden, zwanzigminütigen Aufstieg zur Spitze des Klosterberges. Dort oben sonnen wir uns auf den aufgeheizten Steinen und philosophieren bis zum Sonnenuntergang.

Die Wanderung zum Gipfel wird zu einem täglichen Ritual während Lynns fünftägigen Aufenthalts. Zweimal stehe ich bereits um fünf Uhr morgens auf, um mit ihr an unserem Lieblingsort dem Sonnenaufgang entgegenzumeditieren. Natürlich erfordert es die morgendliche Kälte, dass wir das eng aneinandergekuschelt tun. Diese, wie Lynn es nennt, sparkling moments bedürfen aber keiner darüber hinaus gehenden Zärtlichkeit. Und obwohl die körperliche Anziehung enorm ist und die Luft zwischen uns laut knistert, respektieren wir beide den Ort, an dem wir uns befinden. Vielleicht braucht es manchmal gar keinen Sex, damit zwei Menschen sich wirklich vereinen.

Einen weiteren dieser Sparkling Moments haben wir bei einer gemeinsamen Wanderung durch das wunderschöne Umland des Rockhill. Ein kleines Dorf schmiegt sich zu dessen Füßen in den Dschungel. Und weil hier alles so weit ab vom Schuss ist und die Einheimischen vom Tourismus noch nicht versaut sind, erfahren wir hier eine Herzlichkeit, wie sie mir auf dieser Reise noch nie zuvor begegnet ist. Alles entlädt sich schließlich in einem kleinen Tempel, in dem sich auch eine Dharma-Schule befindet. Wir suchen vor einem plötzlichen Regenschauer Zuflucht und platzen mitten in einen Tanzunterricht. Nachdem wir mit großem Hallo und Gekicher empfangen worden sind, schauen wir uns zunächst die wie aus einem Bollywoodfilm entlehnten Choreographien der Kinder an, bis es uns selbst nicht mehr auf den Stühlen hält. Als Erster gebe ich dem Drängen der Kids nach und hampele zum großen Vergnügen der johlenden Bande auf der Bühne herum, bis mir schließlich Lynn Gesellschaft leistet. Sie drückt einem der Jungs ihr Handy in die Hand und bittet ihn, es an die scheppernde Lautsprecheranlage anzuschließen. Dann tanzen wir auf einer Schulbühne, mitten im Dschungel, am Ende der Welt, den Kindern Salsa vor. Noch Tage danach und als Lynn schon längst abgereist ist, rufen mir die Kids schon von Weiten „Andi! Dans! Dans!“ und „Andi, wär is Lynn?“ zu, wenn ich nachmittags am Tempel vorbeispaziere.

Nach und nach realisiere ich, dass der eigentliche Grund, warum es mich an diesen Ort gezogen hat, möglicherweise nicht die Nonnen oder die buddhistischen Lehren sind, sondern Lynn. Feinfühlig, hellsichtig und absolut in sich ruhend. Und mit der bemerkenswerten Fähigkeit ausgestattet, gezielt meine Knöpfe zu drücken und ihre Finger in meine Wunden zu legen, ohne dass ich ihr dafür böse sein kann. Sie ist der erste Guru, dem ich auf meiner Reise begegne. Ohne dass ich es jetzt schon geahnt hätte, und natürlich hätte Lynn sich selbst niemals als solchen bezeichnet.

Nachdem ich ihr mein Herz ausgeschüttet habe wie noch nie jemanden zuvor und alles erzählt habe, was ich bereits ausprobiert, erkannt, wo ich gefehlt, versagt oder was ich erreicht habe, im Leben wie in der Spiritualität, stellt sie mir an ihrem letzten Abend, nachdem uns die Nonnen aus dem Gemeinschaftsraum geworfen und wir uns wie kleine Kinder in der Meditationshalle versteckt haben, die entscheidende Frage:

„Andi, warum bist du nicht glücklich?“

Und zum ersten Mal habe ich keine Antwort parat. Denn eigentlich weiß ich, wie Glücklichsein funktioniert. So theoretisch. Und seit Kurzem tue ich auch alles, was dafür erforderlich ist: die ungeliebte Arbeit aufgegeben. Reisen. Das Leben genießen. Ich habe wunderbare Freunde, eine liebe Familie.

Warum bin ich also nicht glücklich?

Sofort steigt eine Flut an Argumenten in mir auf:

Weil ich allein bin.

Weil ich meine Bestimmung nicht kenne.

Weil ich keinen erfüllenden Job habe.

Weil ich verwirrt bin.

Weil ich mich zerrissen fühle.

Weil ich mich wertlos fühle.

Weil ich ein Versager bin.

All das bricht aus mir heraus, ohne Tränen, emotionslos, eine schmachvolle Auflistung und schonungslose Beichte.

Lynn erwidert zunächst nichts.

Dann legt sie mir die Hand auf die Schulter und flüstert: „Andi, das ist alter Schmerz, der dich blockiert. Den darfst du heilen. Dann wird alles gut, das verspreche ich dir.“

Sie erklärt mir, dass das, was sie old pain nennt, ein Schmerz sei, der bereits in der Kindheit oder noch davor entstanden sei und sich unangenehm durch Beziehungen und alle möglichen Situationen des Erwachsenenlebens zieht. Er nehme mir immer dann, wenn ich ihn in mir hochkommen lasse, das Gefühl des Glücks.

Und die darin verborgene Erkenntnis ist so einfach, wie sie mich unerwartet trifft. Dort in diesem Meditationsraum im Rockhill auf Sri Lanka, mit Lynn, der schönen Schwedin, meinem Guru, an meiner Seite erkenne ich: Wenn das stimmt, was sie sagt, dann BIN ich bereits glücklich! Meine Baustelle ist folglich nicht die Suche nach dem Glück, sondern das Heilen von altem Schmerz. Von all den ungesunden Glaubenssätzen, die ich mir ständig unbewusst einrede und die mich sofort heimsuchen, wenn mein Glück zu übermächtig werden droht! Würde ich sie aber auflösen, dann könnte ich mein Glück, dass ja bereits in mir ist, immerzu ungestört genießen!

Manchmal ist es ganz leicht.

So leicht, dass man nur einen kleinen Schubs von außen braucht.

Das wahre Ausmaß dieser Erkenntnis stellt sich erst am nächsten Tag ein, als Lynn das Rockhill und mich verlässt, weil sie nach Hause fliegen muss. Zum Abschied schenkt sie mir einen handgeschrieben, zweiseitigen Brief, in dem sie mir beschreibt, welch wundervollen Menschen sie in mir sieht. Und wundersamerweise kann ich die Botschaft diesmal annehmen, ohne dass gleich wieder meine Abwehrprogramme aktiv werden. Das lässt den Damm in mir mit solcher Wucht explodieren, dass ich den ganzen Abend heule wie ein kleines Kind. Ich weine, bis Rotz und Wasser mein Meditationskissen aufgeweicht und ich eine ganze Rolle Klopapier verschneuzt habe. Alles muss raus, alles kann endlich gehen, und zurück bleibt nur ein tiefer Friede. In dieser Nacht bellen die Hunde zum ersten Mal nicht mehr. Das Biest, das mich bis hierher verfolgt hat, hat sich verzogen und es gibt nichts mehr anzuknurren.

Kleine Anmerkung: Bilder gibt’s nur in der Hardcover-Version des Buches!

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