Tantra, Tinder oder Dorfdisco

Aus den Boxen dröhnt das rhythmische Mantra eines Indianer-Gesanges. Es ist brütend heiß im ersten Stock des Yoga Barns in Ubud. Doch weder die kühle Brise noch die am Limit kreiselnden Ventilatoren vermögen die von der glühenden Sonne über Bali und den etwa 100 Tänzern ausgehenden Hitze zu lindern. Immer mehr Leute um mich herum erwachen aus ihrer Starre, manche stehen nur auf der Stelle und wippen mit dem Kopf, andere hüpfen bereits ekstatisch auf und ab. Es sind vorwiegend Frauen, jeden Alters, die meisten davon jung. Und gutaussehend. Sie tragen knappe Klamotten im Goa-Style, haben Tattoos, Dreadlocks und klirrenden Schmuck an Armen und Fußknöcheln. Eine wunderschöne Inderin, wie frisch aus einem Bollywoodfilm entschlüpft, taucht plötzlich vor mir auf. In Hotpants und durchgeschwitztem, weißen Top, durch das sich ihre Brüste abzeichnen. Sie bewegt sich wie in Ekstase. Ich fühle mich an die legendäre Tanzszene in Zion aus Matrix Reloaded erinnert. Das Mantra geht allmählich in einen satten Beat über und ich kann mich nicht mehr halten, ich muss auch springen, tanzen, es reisst mich mit, um mich herum schwitzende, halbnackte Leiber, manche davon eng ineinander verschlungen, alle mit einem Lachen oder Grinsen im Gesicht. Inklusive mir.

Wo wohnt die Liebe? Gefühlt laufe ich ihr bereits mein ganzes Leben hinterher. Ich habe sie in Beziehungen und Affären gesucht und nicht gefunden. Ich habe sie mit der kurzen Befriedigung verwechselt, die Geld, Erfolg und Rampenlicht bieten können. Und ich habe ihr auf der ganzen Welt nachgespürt, in Seminaren, bei Weisen und Gurus und bisher war mir noch keine Praktik zu abgefahren und kaum ein Hokuspokus zu verrückt. Mit einem Schamanen einen Ausflug in die Geisterwelt unternehmen? Bin dabei. Meditieren in einem buddhistisches Kloster auf Sri Lanka? Wird ausprobiert. Ein Besuch bei den Hexen und Heilerinnen auf Siquijor? Ist mindestens für eine spannende Geschichte gut. Ekstatischer Tanz und Kakao-Zeremonien auf Bali? Wird schon allein wegen der Schauwerte mitgenommen.

Auf den Philippinen habe ich eine alte Heilerin getroffen, deren Haus ich eigentlich als Unterschlupf vor einem plötzlich einsetzendem Wolkenbruch aufgesucht hatte. Als ich damals klatschnass und bibbernd vor ihr saß und sie mich aus ihren mit uralten Lachfältchen umringten Augen gütig und verschmitzt anlächelte und fragte, was mir denn fehle, antwortete ich wahrheitsgemäß: Liebe. Und sie nahm meine Antwort überraschend ernst. Sorgfältig und mehr malend als schreibend notierte sie einen Zauberspruch auf einem Stück Papier, flüsterte zusätzlich ein paar Worte auf das Blatt, entzündete es und streute die Asche in ein Glas Wasser. Das musste ich dann trinken. Medizin sei das, und sie würde mir helfen, meinte sie und lachte mit einem Schalk in den Augen wie ihn nur sehr alte und weise Frauen haben können. Also trank ich heiliges Aschewasser und versuchte fieberhaft, nicht an alle die Keime und unaussprechlichen Seuchen zu denken, die im Dschungelwasser Siquijors lauerten und auf gutgläubige Touristen wie mich warteten um ihnen eine buchstäblich richtig beschissene Zeit zu bescheren. Die Magenverstimmung blieb aus, ich kann jedoch nicht leugnen, dass mich von da an eine ganze Reihe ziemlich beeindruckend aufeinander abgestimmter „Zufälle“ nach Indien geführt haben. Und dort fand ich das Tantra. Die meisten werden damit wilde Orgien, freie Liebe und verruchte Massagen verbinden. Und mir ging es zunächst auch nicht anders. Tatsächlich handelt es sich beim Tantra aber um eine uralte spirituelle Philosophie, deren Ursprünge sich irgendwo im 2. Jahrhundert in Indien verlieren. Vereinfacht gesagt lautet ihr Kern: „Du musst keine Regeln befolgen und keinem Gott huldigen. Das Göttliche ist in Dir. Nutze es um glücklich zu werden und Du kannst die Welt zu einem besseren Ort machen. Genieße das Leben.“

Dafür bietet das Tantra eine Reihe von Werkzeugen. Dazu gehören diverse Initiationsrituale, Chakrenarbeit, verschiedene Meditationspraktiken, Atemtechniken, (viel) Tanz und, nun ja, Sex. Denn die stärkste Energie im menschlichen Körper ist die Sexualenergie. Die wirkt wie eine kräftige Dampfmaschine und befeuert unser ganzes System. Doch unser „normaler“ Sex ist von Religionen und Regierungen stigmatisiert und nur darauf ausgelegt, diese Energie „los“ zu werden indem er sie im Orgasmus aus dem Körper schleudert und verpuffen lässt. Was allerdings nicht viel bringt, da sich der Druck recht schnell wieder aufzubauen neigt und das Spiel von vorne beginnt. Wir suchen uns immer neue Partner und noch ausgefallenere Spielarten, um unseren Druck abzubauen oder verlieren gar gleich ganz die Lust am Sex, Menschen die sich in langen Partnerschaften befinden, können oft ein Lied davon singen.

Das Tantra hingegen lehrt, die sexuelle Energie nicht abzugeben, sondern sie zu behalten, zu potenzieren und sie zu verwandeln. Entweder in noch größere Lust, die schließlich in jenen legendären, meditativen oder trance-ähnlichen Orgasmen gipfelt, an deren Ende man sich jedoch nicht ausgelaugt und erschöpft sondern auch noch Tage später erfrischt und kraftvoll fühlt. Oder man transformiert die sexuelle Energie zum Beispiel in eine kreative. Was ich bisher als Drang empfunden habe, den es im Sex nach- und abzugeben galt, kann ich nun also als unerschöpfliche Energiequelle nutzen. Zumindest theoretisch. Denn natürlich handelt es sich beim Tantra um eine Meisterschaft, die es wie jede andere erst einmal zu erlernen gilt. Zwei Gefühlszustände haben mich also in Indien zu Beginn übermannt: Traurigkeit ob der Erkenntnis, dass ich Sex mein ganzes Leben „falsch“ praktiziert habe und Erleichterung, Freude und Aufregung darüber, was mich nun zukünftig alles erwarten würde. Denn auch auf eine Partnerschaft kann das Tantra enorme Auswirkungen haben. Es lehrt mich, (m)einen Partner ganz neu zu schätzen. Als jemanden, mit dem zusammen ich wachsen kann anstatt ihn emotional auszubeuten. Denn wenn ich glücklich bin und mich selbst liebe, dann mache ich mich nicht mehr von anderen abhängig und breche aus dem doofen „Geb-ich-Dir-gibst-Du-mir-Liebe“-Drama aus. Ich werde vom Liebes-Bettler zum -Thermostat.

Wie man sich seine Wahrheit am Ende zusammenzimmert oder von welchem Guru man sich etwas sagen lässt, ist einem selbst überlassen, solange das Ergebnis nur funktioniert. Ob auf der Packung Tantra, Tinder oder Dorfdisco steht ist dabei völlig Wurst. Die Antwort, wo denn nun die Liebe wohnt, ist hingegen einfach. Und wie alles Einfache meist schwer anzunehmen. Denn es bedeutet, dass ich keine Ausreden mehr habe. Ich kann niemand anderen als mich selbst verantwortlich machen und niemand anderes kann mir geben was ich brauche. Ich muss mich nicht mehr einsam fühlen. Liebeskummer wird überflüssig. Ebenso Eifersucht. Beides sind übrigens ohnehin nur Emotionen, die uns helfen, uns selbst zu spüren. Weil uns das so perverserweise einfacher fällt als uns einfach selbst zu lieben. Du dunkle Seite der Macht ist wie üblich verführerischer.

Die Liebe wohnt in jedem von uns. Tief drin, in dem meisten, schwer vernachlässigt und missachtet, aber immer bereit, sich an der Hand nehmen und ausführen zu lassen.

Und für immer zu bleiben. Wenn wir sie nur lassen.

Andi
Andi
’82er Jahrgang, Mediengestalter, studierter Germanist und Kommunikationswissenschaftler, Freigeist, Philosoph, Träumer. Die meiste Zeit treibt er sich an seinem Tellerrand herum und wenn man ihn einmal längere Zeit nicht sieht, findet man ihn in der Regel jenseits davon.

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